Digitale Medien

"a coastline under constant attack"
"a coastline under constant attack"

Seit 1994 beschäftige ich mich mit dem Internet oder auch mit der Digitalen Zukunft der Medien. Beruflich und privat.

Vor diesem Erfahrungshorizont hier der Versuch, einige wesentliche Trends der Branche zu beobachten und zu bewerten.

Volker Pfau

Mo

12

Nov

2012

Gruner + Jahr Aufsichtsrat: Chance für Aufbruch nutzen

Die FAZ meldet, dass der Aufsichtsrat von Gruner + Jahr am 21. November über die Zukunft seiner Wirtschaftsmedien beraten wird. Dabei gehe die Tendenz Richtung Schließung, wird ein Manager zitiert. 

 

Hintergrund: Seit ihrer Gründung vor elf Jahren ist die „Financial Times Deutschland“ (FTD) defizitär. 10 Millionen Euro hoch soll in diesem Jahr der Verlust sein, insgesamt seien es rund 250 Millionen Euro seit Gründung. Schlimm für alle Beteiligten: Offenbar sind alle Wirtschaftsredakteure - also der FTD wie auch von „Capital“, „Impulse“ und „Börse Online“ in einer Gemeinschaftsredaktion beschäftigt. Ergo - so heißt es - wird die FTD eingestellt, dann müssen wohl auch alle anderen Wirtschaftsmedien von Gruner + Jahr eingestellt werden. 

 

Laut FAZ glaubt der Aufsichtsrat von Gruner + Jahr nicht an das Konzept von FTD Verlagsleitung, durch eine konzentrierte Print- und eine verstärkte Onlinepräsenz profitabel zu werden. Man frage sich, warum eine Online-Ausgabe der FTD Geld abwerfen sollte, wenn es nicht einmal das Flagschiff, der „Stern“, schafft.   

 

Wenn der Aufsichtsrat von Gruner + Jahr wirklich so denkt, dann wäre  dies ein erschreckendes Zeichen für Ahnungslosigkeit und Gedächtnisverlust im obersten Gremium von „Europas‘ größtem Druck- und Verlagshaus“ (Wikipedia). ...

 

mehr lesen 17 Kommentare

Mo

29

Okt

2012

Paid Content vom Winde verweht

Angesichts des herannahenden Hurrikans „Sandy“ hat sich die New York Times entschieden, alle Informationen der Website - nicht nur zu dem Hurrikan - freizugeben. „Open to all visitors“  ...


 

mehr lesen 0 Kommentare

Do

25

Okt

2012

Taten statt Reden

Das US-Unternehmen Yelp hat das deutsche Start-up-Unternehmen Qype gekauft. Kaufpreis: rund 50 Millionen US-Dollar, zum Teil in bar, zum Teil in Yelp-Firmenanteilen, meldet techcrunch am Mittwoch Morgen. 

 

Beide Unternehmen sind spezialisiert auf lokale Empfehlungen. Qype, 2006 gestartet (www.qype.com), hat heute quer durch Europa rund 860.000 bewertete Unternehmen in seiner Datenbank, von der Autoreparaturwerkstatt über den Friseur, das Restaurant, den Imbiss, die Mode-Boutique, das Fitnessstudio usw. usw.... 25 Millionen Unique User zählt das Hamburger Unternehmen im Monat, von denen zwei Millionen die Plattform mit ihren Bewertungen weiter füttern. 

mehr lesen 20 Kommentare

Fr

21

Sep

2012

Apple im lokalen Wettbewerb

Axel-Springer Chef Matthias Döpfner hat in einem US-Sender in 2010 gesagt: „Ich denke, dass sich jeder Verleger dieser Welt einmal am Tag hinsetzen und beten sollte, um Steve Jobs zu danken, dass er die Verlagsindustrie rettet.“ Dabei bezog sich Döpfner auf die Erfindung des iPad samt Abrechnungsmodell. Endlich ein Gerät, mit dem die wunderbaren Inhalte der Medienhäuser in paid content überführt werden können.

 

Grundsätzlich hatte und hat er damit Recht (über die Wortwahl und -bild kann man selbstverständlich streiten).

Heute hat Apple die neue Version seines Mobile-Betriebssystem namens iOS 6 vorgestellt, mit dem iPhone, iPod und iPad laufen, und ist damit im Geschäftsmodell regionaler Medienhäuser angekommen.

 

Es ist deshalb höchste Zeit, dass insbesondere regional orientierte Medienhäuser ihre Verbindung mit Apple überprüfen. Die Begründung ist einfach:

 

Apple verschärft mit iOS 6 den Wettbewerb um lokale Märkte, mittelbar und unmittelbar.

 

-  In iOS 6 hat Apple einen eigenen, allerdings für Deutschland offenbar noch nicht fehlerfreien, Kartendienst eingebaut (und Google Maps dafür „ausgebaut“).

-  Die Sprachsteuerung Siri wiederum versteht nun auch Fragen nach Restaurants, Kinoprogramm, Sportergebnissen etc., bisher klar eine Domäne regionaler Informationsanbieter.

-  Und: Vorinstalliert ist die App der US-Firma Yelp, einem Spezialanbieter für lokale Services (ähnlich wie foursquare, qype u.a.).

 

Die Kombination dieser Möglichkeiten aus Sprachsteuerung, Kartennavigation und lokalen Informationen (samt Bewertungen) machen ein iPhone zu einem tollen Werkzeug, um das Informationsbedürfnis vor Ort, bisher ein Beinahe-Monopol der regionalen Medienhäuser, zu bedienen. Und Apple zieht die Fäden (wie Google mit dem Handybetriebssystem Android ebenso).

 

Es geht noch weiter.

- Facebook ist quasi in iOS6 integriert. Facebooks Erfolgsgeschichte beruht darauf, dass es durch seine Schnittstellen (API) wiederum andere Services webbasiert integriert. Wir haben also in iOS6 ein geschlossenes Betriebssystem mit Apple an den Stellschrauben und darin wiederum ein web- und menschenbasiertes Facebook-Betriebsystem/Netzwerk mit über 955 Mio. Mitgliedern, Werbern und immer mehr mittelständischen Unternehmen, den Werbekunden der Medienhäuser. Alles nach Apples Entscheidung miteinander via iOS 6 verdrahtet.

 

Damit wir uns nicht missverstehen: Apple selbst ist nicht vor Ort, akquiriert keine Werbekunden oder Leser. Aber seine Produkte sind vor Ort; und das iOS meldet in der Regel, wo die Besitzer der iPhones und iPads sind. Und diese Besitzer wiederum nutzen nicht nur das Apple-Produkt intensiv, sondern auch darin enthaltenen Services wie facebook u.a. und vernetzen sich, melden sich in Geschäften an, suchen Freunde in der Umgebung.

Menschen kommunizieren mit Menschen und mit Unternehmen, ja sogar künftig mit Maschinen. Und das geht nun einfacher denn je via Siri-Sprachsteuerung oder vollautomatisch. Fragen wie: ‚Was hat Lidl heute im Angebot?‘ ,Wo ist der nächste Schneider?‘ ,Was läuft heute Abend im Cineplex?‘ (und noch viele, viele andere Fragen) werden an das iPhone gestellt und - es gibt lokale Antworten. Ohne die Mittlerfunktion des Medienhauses vor Ort.

 

Ach ja; einen Ticketservice gibt es in iOS6 nun auch, ortsbasiert, egal ob im Flughafen oder im Kaffeehaus.

 

Frage: Wo bleiben die regionalen Medienhäuser? Eine Kombination aus subventioniertem iPad samt pdf-Ausgabe der Tageszeitung kann die Antwort nicht sein! Offensichtlich.



mehr lesen 9 Kommentare

Do

16

Aug

2012

Schleichender Verlust des letzten Assets der Lokalpresse

Google wird von deutschen Tageszeitungsverlagen als Bedrohung empfunden - zurecht. Dabei habe ich den Eindruck, dass die Gegenwehr sich im Wesentlichen auf das leidige Thema Leistungsschutzrecht erschöpft. Eine inhaltliche, proaktive Auseinandersetzung auf die Bedrohung insbesondere im lokalen Markt ist seitens der Verlage nicht erkennbar. Lokalredaktionen werden ausgedünnt, Lokalausgaben zusammengelegt. Trotz der Reduzierung der Seitenumfänge auch im Lokalteil muss der einzelne Redakteur immer mehr Zeitungsfläche füllen. Ergebnis: Terminjournalismus mit einer Hatz von Termin zu Termin, weniger Recherche für eigene Geschichten, weniger Nähe zum leser, mehr Scheckübergaben, Ausstellungseröffnungen etc. etc.. 
Gleichzeitig redet die Branche gern über paid content und hofft, dass die ach so wertvollen Inhalte auch im digitalen Vertriebsweg bezahlt werden. Und: zu meiner Überraschung funktioniert es teilweise, über den Weg eines attraktiven Pakets: iPad plus Content. Doch was passiert nach der zweijährigen Bindungsfrist? Wird sich die Subvention für den Verlag am Ende rechnen. Innerhalb der zwei Jahre sicherlich nicht, wenn man die aktuellen Preise der Bundles anschaut...

 

Derweil arbeitet Google weiter unberührt an der Durchdringung der lokalen Märkte. Mit Google Adwords erreicht der Konzern immer mehr lokale Händler, Google Places wird Schritt für Schritt attraktiver und auch inhaltlich scheint der Konzern jenseits der Suche weiter voranzukommen. Servicethemen wie Adressen, Öffnungszeiten und nun auch Verortung der Bushaltestellen samt aktuellem Fahrplan sind eine schrittweise Eroberung der lokalen Fläche.

 

Warum sind derartige Projekte wie Fahrplan des ÖPNV, lokales Händlerverzeichnis, umfassender, zielgruppengerechter Terminkalender etc. nicht längst umgesetzt von diversen Arbeitsgemeinschaften der Verlage? Wenn das nicht bald passiert, dann hat die Lokalpresse auch das letzte Asset verloren - denke ich.

Volker Pfau


 

mehr lesen 7 Kommentare

"Der Druck der Zeitung ist lediglich eine vorübergehende Erscheinungsform, die mit dem spezifischen Wesen der Zeitung nichts zu tun hat.“

Robert Brunhuber 1907,
Dozent für Journalismus an der Handelshochschule Köln

Bodenseeüberfahrt
Bodenseeüberfahrt

"We do journalism, not newspapers."

George Brock, Managing Editor The Times, 2001

Doubtful Sound NZL
Doubtful Sound NZL

"To be in the news business now means you must run your business as Digital First. And that means Print Last."

John Paton, Digital First Media

zu verkaufen: Rosie.Woodstock
zu verkaufen: Rosie.Woodstock